Der Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik

 

 

"Der Druck in der Branche ist hoch"

 

In einer aktuellen Studie über die Veranstaltungsbranche in Australien wurden verheerende Zahlen zu Alkohol- und Drogensucht sowie Suiziden unter den Akteuren festgestellt. Für die Branche dort war das ein Schock. Wie siehst du die Situation in Deutschland? Ist das hier ähnlich?
Die Australische Studie zu Suizidgefahr und psychischer Gesundheit in der dortigen Entertainment-Industrie hat mich einerseits schockiert und andererseits dann nicht überrascht. Es war nur, sagen wir mal aufschlussreich, harte Fakten zu lesen. Eine derartige Studie wurde meines Wissens in Europa und Deutschland noch nicht durchgeführt. Ich fände es gut, wenn sich die Branche ähnliche Fragen wie in dieser australischen Studie einmal in Deutschland stellen würden. Auch die große VPLT Technikerumfrage hat solche Aspekte bereits grundsätzlich mit betrachtet.

Nach mittlerweile 37 Jahren in der Branche kann ich sagen, dass die Daten hier ähnlich aussehen würden. Mir selber sind drei Suizide aus meinem Kollegenkreis in den vergangenen Jahren bekannt. Auf manchen Jobs und Touren sind die Belastungen so hoch, dass dann doch mit reichlich Substanzen ausgeglichen wird. Je nach persönlicher Struktur und Work-Life-Umständen wird dann aus „Stressabbau“ eine Gewohnheit und schließlich eine Gefahr.

Durch die schwierigen Arbeitszeiten, der Flexibilisierung und der oftmals prekären Auftragssituation gibt es auch in Deutschland Techniker, die einem enormen Stress ausgesetzt sind. Wird darüber aus deiner Sicht genug drüber gesprochen?
Die Situation der Kolleginnen und Kollegen hat sich meiner Meinung nach deutlich verschärft in den vergangenen Jahren. Der finanzielle Druck nimmt immer mehr zu, die Bauzeiten werden immer kürzer. Aus dem vergangenen Herbst habe ich von einigen Touren gehört, bei denen die Umstände suboptimal waren und damit auch der Umgangston. Zum Glück sprechen wir heutzutage mehr untereinander über die Probleme. Dabei helfen Foren und soziale Netzwerke, und oft wird tatsächlich nicht mehr nur über einen Job „gejammert“ sondern auch über private und persönliche Sorgen gesprochen.

Wie siehst du das?
Für mich ist das eine gute Entwicklung, die allerdings eben auch zeigt, dass der Druck so hoch ist, dass man sich darüber austauscht. Oft höre ich in den Gesprächen eine Ohnmacht heraus, dass nichts getan wird oder getan werden kann, dass die Anforderungen immer höher werden seitens der Kunden und Dinge, die im normalen Arbeitsleben niemals verlangt werden würden, dann von uns verlangt werden. Ich denke, hier ist nach dem ganzen Nachhaltigkeitsgeschwafel der letzten Zeit mal echte Einsicht und Handlung von Kunden und deren Kunden erforderlich.

Dieses Interview erschien zuerst im Mitglieder-Newsletter VPLT Inside. Falco Zanini ist einer der drei Sprecher der Angeschlossenen Mitglieder im VPLT. Er ist als Meister für Veranstaltungstechnik und Fachkraft für Arbeitssicherheit in ganz Deutschland unterwegs. Die Große VPLT Techikerumfrage wird im Rahmen der Prolight+Sound am Donnerstag, 6. April, in Frankfurt/Main vorgestellt. Die Präsentation ist um 16 Uhr im Forum C, Raum Konstant

Studie über Australische Veranstaltungsbranche schockiert
Durchschnittlich neun Suizidversuche pro Tag – ein trauriger Rekord, der in Australiens Veranstaltungsbranche festgestellt wurde. Die Victoria University hatte gemeinsam mit der Initiative Entertainment Assist in einer aktuellen Studie die Situation und Herausforderungen der Akteure in der dort bezeichneten Entertainment-Industrie untersucht und zum Teil krasse Ergebnisse zutage gebracht. Neben der hohen Zahl der Suizidversuche sind weitere Ergebnisse sehr erschreckend: So berichteten 63 Prozent von Problemen, ein soziales Privatleben zu führen. 44 Prozent litten unter Schlafschwierigkeiten, bei 16 Prozent waren dies sogar medizinisch nachweisbare Schlafstörungen. Rund 40 Prozent litten nach eigenen Angaben unter mentalen Problemen, 36,5 Prozent wurden sogar mit psychischen Krankheiten diagnostiziert.
Mehr als 83 Prozent berichteten von regelmäßigem Alkoholkonsum, davon mehr als 7 Prozent täglich und mehr als 55 Prozent wöchentlich. 40 Prozent nahmen Marihuana, 25 Prozent Kokain, fast 19 Prozent Ecstasy. Mehr als 24 Prozent berichteten von regelmäßigem Konsum von Schmerzmitteln. 




 

 

 

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